Der Milchspendereflex

Dein Milchspendereflex ist zu schwach, oder zu stark, oder du hast sogar Schmerzen, wenn die Milch fließt? Was ist überhaupt dieser Milchspendereflex?

Eine Mutter stillt ihr Baby.
Ohne den Milchspendereflex wäre Stillen fast unmöglich.
Gut, dass es ihn gibt!
Foto: Sedletsky/shutterstock.com

Wenn dieser Reflex nicht richtig funktioniert, wirst du es sehr schwer haben, dein Kind ausreichend zu stillen. Deshalb lohnt es sich, gut darüber Bescheid zu wissen!

In diesem Artikel findest du Antworten und Lösungsansätze für alle deine Fragen. Los geht’s!

Der Milchspendereflex – Was ist das eigentlich?

Hier kommt die anschauliche Erklärung für alle, die wissen wollen, wie der Milchspendereflex genau funktioniert.

Eine Illustation einer Frau die ihr KInd stillt. Das Kind trinkt an der Brust, es sind Pfeile eingezeichnet vom Mund zum Gehirn (Nervenbahnen), vom Gehirn zurück in den Körper (Oxytocinfreisetzung) und zurück zur Brust (Milchausstoß). Dies ist der Milchspendereflex.
Durch das Saugen an der Brust löst dein Baby den Milchspendereflex aus. Über Nervenbahnen wird der Impuls vom Saugen über einige Zwischenstationen an die Hypophyse im Gehirn geleitet. Die Hypophyse stößt daraufhin Oxytozin aus, welches an der Brustdrüse zur „Ausstoßung“ von Milch führt. Schau dir dazu das nächste Bild genauer an (nach Wambach, 2021).
Hier ist der histologische Schnitt durch ein Milchläppchen bzw. mehrere Milchbläschen zu sehen.
Dies ist ein Milchbläschen – der Ort, an dem die Muttermilch gebildet wird. Davon hast du aberwitzig viele und sie sind mikroskopisch klein.
1 – Dies sind die Laktozyten, die Zellen, die die Milch herstellen.
2 – An den Wänden der Milchbläschen lagern sich winzige Fetttröpchen ab, die dort „warten“ bis der Milchspendereflex einsetzt.
3 – Das was hier blau gefärbt ist, ist die Muttermilch.
4 – Hier sind die Milchgänge markiert. Diese fließen aus verschiedenen Milchgängen in immer größere Gänge zusammen, die sich an der Brustwarze treffen.
5 – Um die Milchbläschen herum sitzt eine dünne Muskelschicht.

Eigentlich brauchst du nur diese beiden Bilder, um den Milchspendereflex zu verstehen:

Das Oxytozin, das durch das Saugen an der Brust im Gehirn ausgeschüttet wird, landet an den Muskelzellen (5), die die Milchbläschen umgeben.

Durch das Zusammenziehen dieser Muskeln wird das Milchbläschen quasi „ausgequetscht“, und die dortige Milch wird Richtung Brustwarze befördert.

Simpel, oder?

Spürt man den Reflex?

Die meisten Frauen (etwa 88%) spüren den ersten Milchspendereflex wenige Minuten nach Beginn des Stillens. Oft wird er als warmes, kribbelndes Druckgefühl beschrieben. Er dauert meist wenige Minuten, ehe die Milch wieder langsamer fließt.

Fast immer wird nur der erste Milchspendereflex einer Stillmahlzeit gespürt, obwohl er häufiger, nämlich alle paar Minuten, ausgelöst wird. Wie oft, hängt auch von der Länge der Stillmahlzeit und dem Alter des Babys ab.

Ein Diagramm: Der Milchspendereflex wird bei jeder Stillmahlzeit zwischen 1 und 9 Mal, im Schnitt 2,5 Mal ausgelöst.
Spitzen der Reflexstärke, der erste ist meist der der stärkste und wird als einzuges von der Mama bemerkt.

Etwa eine Minute nach Stimulation der Brustwarze steigt der Oxytozinwert im Blut an.

Die Stärke des Milchspendereflexes lässt bei jeder Stillmahlzeit nach einigen Minuten nach. Die meisten Frauen bemerken nur den ersten Reflex (oder gar keinen), weil der erste meist der deutlich stärkste ist.

Etwa sechs Minuten nach dem „Abdocken“ bzw. nach dem Ende der Stimulation fällt der Oxytozinwert wieder auf das Grundlevel.

Ein Diagramm: Beim Stillen kann auch ein Reflex in den nächsten übergehen.
Manchmal gehen mehrere Reflexe ineinander über

Manchmal gehen zwei (oder mehr) Reflexe auch ineinander über.

Übrigens: Die Hypophyse enthält 50-200 Mal mehr Oxytozin, als für einen einzelnen Milchspendereflex gebraucht wird.

Die meisten Frauen erleben pro Stillmahlzeit 2-3 Milchspendereflexe, aber es sind auch deutlich mehr möglich.

Vordermilch und Hintermilch

Vielleicht hast du schon mal von den Begriffen „Vordermilch“ und „Hintermilch“ gehört. Diese Begriffe beziehen sich auf den Ort, wo die Muttermilch sich am Beginn einer Stillmahlzeit befindet.

Die Vordermilch (nicht zu Verwechseln mit der Vormilch, dem Kolostrum) befindet sich in der Brust nah an den Brustwarzen. Sie ist die Milch, die dein Baby zuerst trinkt, wenn es anfängt zu trinken.

Die Hintermilch „sitzt“ weiter hinten, nämlich da, wo die Milchzellen die Muttermilch produzieren. Hier ist die Milch deutlich fett- und damit energiereicher.

Die Hintermilch ist deutlich fettreicher als die Vordermilch und kann nur bei funktionierenden Reflexwegen nach vorne "geschoben" werden
Die mütterliche Brust mit eingezeichnetem Drüsengewebe

Zu dieser Grafik:

Ganz vorne (1) hinter der Brustwarze sind die Milchgänge mit wässriger Vordermilch gefüllt.

Weiter nach hinten (2) wird sie langsam fettreicher, nah bei den Milchbläschen sitzt dann die fettreiche Hintermilch.

Der Übergang dabei ist, im wahrsten Sinne des Wortes, fließend.
Durch den Milchspendereflex rückt die hintere Milch von da wo sie gebildet wird nach vorne und durchmischt sich mit der Vordermilch.

Gäbe es den Milchspendereflex nicht, hätte die fettreichere Hintermilch große Probleme, die Brustwarze und den Mund deines Kindes zu erreichen. Ein Baby kann die Milch nämlich nicht wie mit einem Strohhalm „herausschlürfen“.

Mit jedem ausgelösten Reflex aber wird die Hintermilch weiter nach vorne gedrückt, sodass die Milch am Ende einer Stillmahlzeit deutlich fettreicher ist. Die Milchgänge erweitern sich unterdessen für etwa zwei Minuten, sodass weniger Druck die Milch zurückhält.

Die Fett-Tröpfchen an der Wand der Milchbläschen lösen sich durch den Milchspendereflex bzw. durch das Zusammenziehen der winzigen Muskeln ab, vermischen sich mit der Milch und werden nach vorne geschoben.

Praktische Bedeutung

Das hat praktische Konsequenzen:

So kann es bei schlechter Gewichtszunahme deines Babys hilfreich sein, dass es reichlich von der fettreichen Hintermilch bekommt.

Außerdem kann der übermäßige Verzehr der wässrigen Vordermilch dazu führen, dass dein Baby manchmal grüne, schaumige Stühle in die Windel drückt (und unter Umständen auch Blähungen oder Bauchschmerzen bekommt).

Wie sich beim Milchspendereflex die Hintermilch mit der Vordermilch vermischt, wird beim Still-Lexikon gut erklärt.

Den Milchspendereflex auslösen

Jetzt wo wir wissen, wozu er dient, sollten wir noch lernen, wie man den Milchspendereflex anregen kann.

Der Klassiker ist natürlich das Saugen an der Brust durch dein Baby. Gerade aber ältere Kinder finden geradezu instinktiv heraus, dass es auch möglich ist, den Reflex manuell auszulösen:

Sie fangen an, mit ihrer Hand an deiner Brustwarze rumzugrabbeln, oder drücken dir mit der Faust in die andere Brust (aus eigener Erfahrung: Manchmal treten sie auch ;).

Der Milchspendereflex sorgt dafür, dass Muttermilch von den Milchzellen über die Milchgänge zur Brustwarze transportiert wird.
Auch das Schreien eines Babys kann bei stillenden Mütter den Milchspendereflex auslösen. Um Flecken zu vermeiden, sind gute Stilleinlagen ein wahrer Segen.

Übrigens ist es auch beim Milch abpumpen wichtig, den Milchspendereflex auszulösen. Besonders effektiv wird er beim sogenannten Power-Pumping genutzt.

Bei manchen Frauen setzt der Milchspendereflex nur verzögert ein, er ist zu schwach oder bleibt mitunter sogar ganz aus. Folgende Tipps könnten dir dann helfen:

  • Am wichtigsten: Vermeide Stress und Schmerzen. Es ist nachgewiesen (und altes Hebammenwissen), dass der Reflex schlechter ausgelöst wird, wenn die Mama Schmerzen hat oder sich gestresst fühlt. Das kann mitunter zu regelrechten Teufelskreisen führen:
Stress und Schmerzen können den gesunden Reflexbogen stören.
Schmerzen und andere Formen von Stress können dazu führen, dass der Milchspendereflex zu schwach verläuft oder sogar ganz ausbleibt. Das wiederum führt zu neuem Stress beim Baby und bei der Mama – ein Teufelskreis kann entstehen.
  • Mach es dir bequem, nimm eine entspannte Körperhaltung ein.
  • Auch andere Formen von Stress können zu Problemen mit dem Milchspendereflex führen. Versuche, dich auch um dich selbst zu kümmern: Weniger Haushalt, mehr Dinge von deinem Partner / deine Partnerin erledigen lassen.
  • Mach ein Ritual aus dem Stillen – stell dir ein Wasser bereit, begib dich in eine bequeme Position, mach vielleicht entspannende Musik an: Alles, was dir helfen kann, zur Ruhe zu kommen.
  • Versuch viel Haut-zu-Haut-Kontakt zu deinem Kind zu halten.
  • Vor dem Stillen warm duschen, aber auch feuchte Wärme in Form eines Waschlappens können helfen. Sorge für eine warme Umgebung, auch ein kalter Raum kann den Reflex stören.
  • Stillöl in Verbindung mit einer sanften Brustmassage kann helfen, die Brust zu wärmen und zu entspannen. Allerdings ist der Geruch bzw. Geschmack des Öls nicht jederbabys Sache. (Du solltest allerdings so gut es geht vermeiden, die Brustwarzen und Brustwarzenvorhöfe einzuölen).
  • Manche Autor*innen vermuten, dass zuviel Koffein, aber auch Nikotin und Alkohol den Milchspendereflex hemmen können. Gerade die letzten zwei solltest du sowieso so weit wie möglich, am besten ganz, vermeiden.

Dein Milchspendereflex ist zu stark?

Bei manchen Frauen ist der Milchspendereflex so stark, dass das Baby mit dem Trinken nicht hinterherkommt.

Oft sind das auch die Frauen, die auch sonst sehr viel Milch haben, oft mit Kindern, die viel trinken, aber auch viel spucken. Gerade Frauen mit starkem Milchspendereflex neigen auch dazu, dass die andere Brust beim Stillen ausläuft.

Dass der Reflex bei dir recht stark ausgeprägt ist, siehst du unter anderem auch daran, dass die Milch – statt einfach nur aus der Brust herauszufließen – richtiggehend durch die Gegend spritzt. Viele Kinder verschlucken sich dann, oder kommen mit dem Atmen und Trinken durcheinander, oder docken irritiert ab.

Manchmal kommt es sogar vor, dass Babys so unruhig oder gar ängstlich an der Brust werden, dass die Eltern denken, es sei nicht genug Milch da – wobei meist genau das Gegenteil der Fall ist.

Der Milchspendereflex ist bei mancher Frau deutlich zu stark ausgeprägt.
Bei manchen Frauen ist der Milchspendereflex so stark, dass er das Baby beim Trinken stört.
Foto von Tony Mucci auf Unsplash

Es ist schwierig, die Stärke des Milchspendereflex zu reduzieren, aber es gibt ein paar Tipps um die Auswirkungen auf dein Baby zu verringern:

  • Das zurückgelehnte Stillen oder „laid-back nursing“ kann helfen, dass dein Baby besser mit der großen Milchmenge zurecht kommt. Dabei liegst du selbst halbflach auf dem Rücken, legst dein Baby bei dir Bauch-an-Bauch und dockst es an. Auch eine sitzende Position oder das Stillen in Seitenlage kann hilfreich sein.
  • Bei manchen Frauen ist nur der erste Milchspendereflex pro Stillmahlzeit sehr stark, oder nur der Anfang jedes Reflexes. Es kann helfen, dein Kind kurzzeitig abzudocken, die herausschießende Milch mit einem Waschlappen o. ä. aufzufangen und es dann wieder anzulegen.
  • Das gleiche kannst du versuchen mit Stillhütchen zu erzielen: Diese Helferlein können die zu stark herausschießende Milch abfangen, sodass sich dein Baby nicht verschluckt. Aber Achtung: Das Stillhütchen sollte nur zu Beginn der Stillmahlzeit eingesetzt werden und nur als letzte Maßnahme dann, wenn andere Maßnahmen (zum Beispiel eine andere Stillposition) nicht geholfen haben.

Manche Frauen finden es sehr unangenehm, wenn der Reflex „zwischendurch“ angeregt wird, ohne dass gerade gestillt wird, vor allem in der Öffentlichkeit. Es kann helfen, ihn mit einem kräftigen Druck mit dem Finger oder der Hand gegen die Brustwarzen zu beenden.

Falls es dir unangenehm ist, wenn du Milch verlierst, ohne, dass du es willst, solltest du auf kleine Hilfsmittel zurückgreifen, die die Industrie natürlich auch für diese Fälle bereit hält: In erster Linie sind das Stilleinlagen, oder auch kleine Auffangbehälter für den BH.

Wenn es weh tut

Für manche Frauen ist der Milchspendereflex leider mit Schmerzen verbunden. Was kannst du dagegen tun?

Es ist hier wichtig, den Grund für die Schmerzen herauszufinden. Es kann sein, dass du zu viel Milch hast, aber auch eine Infektion mit Bakterien oder Pilzen kann ziemlich weh tun (wobei Schmerzen beim Milchspendereflex dabei selten das einzige Symptom sind).

Auch ein sogenannter Vasospasmus kann dahinterstecken.

„D-MER“

Noch eine Anmerkung zum Schluss: Für wenige Frauen ist der Milchspendereflex mit einer Art (in Ermangelung eines besseren Wortes) kurzzeitigen „Stilldepression“ verbunden – aus noch ungeklärter Ursache kommt es kurz vor Einsetzen des Reflexes zu einer deutlichen Traurigkeit, die nur wenige Minuten anhält.

Das Ganze nennt sich „D-MER“ (dysphoric milk ejection reflex) und die Forschung dazu steckt noch in den Kinderschuhen, es wurden aber einige Fallberichte veröffentlicht. Bei Regine Gresens gibt es einen informativen Artikel darüber.

Du willst mehr erfahren?

Wenn du noch Fragen hast – schreib uns einfach.

Per Mail können wir zwar keine ausführliche Stillberatung durchführen, bemühen uns aber, auf jede kleinere Frage eine Antwort zu finden 🙂

Quellen:
– Wambach, Watson Genna, Anatomy and Physiology of Lactation, in: Wambach, Spencer: Breastfeeding and Human Lactation, sixth edition 2021, Jones & Bartlett, Burlington, S. 60 ff
– Wilson-Clay, Hoover, The Breastfeeding Atlas, Sixth Edition, LactNews Press, Manchaca 2017, S. 84
– Both, Frischknecht, Stillen Kompakt, 1. Auflage 2007, Urban&Fischer, München, S. 12
– Deutscher Hebammenverband, Praxisbuch: Besondere Stillsituationen, 1. Auflage 2011, Hippokrates-Verlag Stuttgart, S. 354
– Weitere Quellen sind direkt im Text verlinkt

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