Brennnesseltee in der Stillzeit – erlaubt oder verboten?

Brennnesseltee hat eine ganze Reihe gesundheitsfördernde Eigenschaften – aber darfst du ihn auch in der Stillzeit bedenkenlos trinken?

Ein Glas mit Brennnesseltee, daneben eine Brennnesselpflanze, stehen auf einem Holztisch.
Brennnesseltee kann sogar ganz lecker sein, behaupten manche.
Foto: Johanna Muehlbauer / shutterstock.com

Wir erklären dir kompakt alles, was du zum juckenden Kraut und dem Stillen wissen musst.

Los geht’s!

Die absolute Kurzfassung für Eilige:

Die allerkürzteste Fassung lautet. Ja, wahrscheinlich ist Brennnesseltee in der Stillzeit trinkbar. Hier die weiteren wichtigsten Fakten:

Gesundheit! Brennnesseltee werden viele gesundheitsfördernde Eigenschaften nachgesagt, von denen viele wahrscheinlich auch zutreffen – durch Studien belegt sind aber die wenigsten.

Achtung! Du solltest auf den Tee verzichten, wenn du Allergien oder einen empfindlichen Magen hast – oder zumindest vorher mit deiner Ärztin reden. Kräutertees sollten wie Medikamente betrachtet werden, die eben auch Nebenwirkungen haben können.

Wirkung auf dein Baby: Abgesehen von einem Baby, dessen Mama einen Brennnesselextrakt direkt auf ihre wunden Brustwarzen aufgetragen hat (das Baby hat einen Ausschlag bekommen), sind keine negativen Wirkungen auf ein gestilltes Baby allein durch das Stillen bekannt.

Milchbildung anregen? Brennnesseltee wird in vielen Kulturen auch zur Förderung der Milchmenge eingesetzt. Es gibt ein paar Hinweise dafür, warum das tatsächlich funktionieren könnte, einen Beweis gibt es jedoch nicht. Zum Einsatz kann hier der Tee (oft mit anderen milchfördernden Kräuter als Stilltee) oder extra hergestellte Kapseln kommen.

Ganz pragmatisch: Insgesamt gibt es keinen Grund zur Sorge, dass Brennnesseltee nicht auch in der Stillzeit sicher anwendbar ist. Ausreichend in Studien getestet ist er aber nicht. Pragmatisch kannst du mit einer geringen Dosis starten und schauen was passiert, ehe du dir größere Mengen gönnst.

Und jetzt zu den ausführlichen Infos!

Warum Brennnesseltee generell gesund ist

Während der Brennnesseltee in der Beliebtheit zwar meilenweit hinter schwarzem, grünem, Kamille– oder Pfefferminztee steht, schätzen ihn viele doch für seine gesundheitsfördernden Eigenschaften:

  • Brennnesseltee kann antientzündlich wirken
  • wirkt harntreibend und kann daher gerade bei Nierenerkrankungen hilfreich sein
  • ist gut für das Immunsystem
  • vermag den Blutdruck zu senken
  • kann Magenbeschwerden lindern
  • ihm werden auch positive Wirkungen für die Haut, die Haare und den weiblichen Zyklus nachgesagt.

Nicht alle dieser Eigenschaften sind durch knallharte Studien bewiesen, der Brennnesseltee gehört aber nicht nur in Deutschland in den großen Koffer der Naturheilmittel und Heilpflanzen unbedingt hinein.

Was drin steckt

Brennnesseln enthalten eine ganze Reihe von Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien. Der Eiweißgehalt ist hoch (deutlich höher als in deiner Muttermilch), sie enthalten neben verschiedenen Vitaminen (C, A, E, K) auch Spurenelemente wie Eisen, Kalzium und viele mehr.

Wichtig im gesundheitlichen Kontext sind z. B. Flavonoide (denen eine ganze Reihe gesunder Eigenschaften zugemessen werden2), Gerbsäuren und Carotinoide.

Mehrere dunkelgrüne Brennnesselpflanzen nebeneinander wachsend von oben betrachtet.
Auch wenn man – wie manche männliche Autoren dieser Website – beim Fahrradfahrenlernen in eine ganze Hecke voll Brennnessel gefallen ist: Brennnesseln sind ein ganz gesundes Zeug.
Foto von Paul Morley auf Unsplash

Ein Problem

Diese Inhaltsstoffe vermögen sich also potentiell positiv auf die menschliche Gesundheit aus. Weiter oben haben wir aber schon einen wunden Punkt angesprochen: Die Forschung.

Wie zu fast allen Kräutern, Gewürzen und ganz generell Lebensmitteln gibt es nur ganz wenige Forschung zur Wirkung der Brennnessel in Schwangerschaft und Stillzeit.

Grund dafür ist, dass Studien gerade auch an Stillenden ethisch schwierig umzusetzen sind und sich auch nicht viele dafür interessieren – es gibt eben keinen zu großen erwartbaren wissenschaftlichen (oder finanziellen) Anreiz.

Wir schauen uns jetzt trotzdem mal an, was man weiß und was auch du wissen solltest, wenn du in der Stillzeit Brennnesseltee trinken möchtest.

Aber ist er auch in der Stillzeit ratsam?

Am Besten weiß zu dieser Frage wie immer die „Drug and Lactation Database“ der amerikanischen National Library of Medicine Bescheid1.

Hier werden alle bekannten Studien gesammelt, die sich auf ein Lebensmittel und seine Wirkungen (und Gefahren) in der Stillzeit beziehen.

Was weiß die Datenbank zur Brennnessel?

Gesundheit von Mama und Baby

Zunächst einmal weiß man nicht, wie viele der typischen Inhaltsstoffe in die Muttermilch wirklich übergehen.

Gerade beim Tee ist das so eine Sache – viele Stoffe werden darin nämlich nicht vollständig gelöst (die Pflanze löst sich ja auch nicht vollkommen auf) und es ist unklar, wie viel und was genau eigentlich in der Mama landet.

Es gibt also keine Forschung die zeigen würde, wie viele, sagen wir, Flavonoide sich im Blut der Mama finden, genauso wenig, wie viel davon in die Muttermilch übergeht.

Mamas sollten auf Brennnesseltee verzichten, wenn sie einen empfindlichen Magen haben, auch viele Allergikerinnen können mit Ausschlag oder Juckreiz reagieren. Hast du Einschränkungen der Herz- oder Nierenfunktion, solltest du mit deiner Ärztin sprechen3.

Es gibt einen Fallbericht einer Mutter, die sich einen Brennnesselextrakt selber zubereitet hat, um ihre wunden Brustwarzen zu pflegen. Ihr Neugeborenes bekam einen Ausschlag davon, der nicht mehr auftrat, als sie auf die Brennnesseln verzichtete.

Hier wurde das Kraut jedoch direkt auf die Brust aufgetragen. Ein negativer Effekt auf ein gestilltes Kind einer Mutter, die Brennnesseltee trank, ist nicht bekannt. Theoretisch können selbst gepflückte Blätter höhere Dosen Schimmelsporen beinhalten, die zu allergischen Reaktionen führen könnten.

Eine Brennnesselpflanze mit hängendem Kopf
Zu spät: Wenn die Brennnessel blüht, ist sie nicht mehr so gut zu verwerten. Meistens werden die jungen, frischen Pflanzen im Frühjahr genutzt. Wahrscheinlich lässt diese reife Pflanze deshalb den Kopf hängen.
Foto von Bakd&Raw by Karolin Baitinger auf Unsplash

Einfluss auf die Muttermilch

In manchen Ländern werden Brennnesseln als milchförderndes Gewächs genutzt.

Aus der Türkei, wo viele Menschen Brennnesseltee trinken, sind zwei Fälle bekannt, die für uns relevant sein könnten: So hat eine Frau einen Milchfluss entwickelt, obwohl sie nicht schwanger war und ein Mann hat eine Brust ausgebildet, nachdem sehr große Mengen des Tees getrunken wurden.

Bei beiden hat sich das nach einiger Zeit zurückgebildet, wahrscheinlich lag es an erhöhten Mengen Geschlechtshormonen und Prolaktin, die beide einen Einfluss auf die Milchbildung haben. Einen direkten Effekt auf die Milchmenge kann man dadurch aber nicht ableiten.

Ein ähnlicher Fall ergab sich auch in den USA, wo eine Frau einen Milchfluss nach dem ständigen Verzehr von Brennnesselkapseln ausbildete4.

Es ist nur eine Studie bekannt, die die Änderung der Milchmenge untersucht hat und dabei auch auch die Brennessel einbezog. Diese war jedoch schlecht durchgeführt und es gab noch weitere potentiell milchfördernde Kräuter, die gleichzeit verabreicht wurden.

Marasco und West beschreiben die Brennnessel in ihrem Buch als möglicherweise sehr effektiv zur Anregung der Milchbildung, besonders in der gefriergetrockneten Form als Kapsel. Hier empfehlen die beiden Autorinnen 3 Kapseln à 300 Milligramm täglich.

Wichtiger als jede Pflanze, um die Milchbildung anzuregen ist jedoch die regelmäßige Entleerung der Brust.

Fazit

Wie so oft im Zusammenhang mit Lebensmitteln und dem Stillen muss man leider sagen: Nichts genaues weiß man nicht.

Es gibt keinen Hinweis dafür, dass Brennnesseltee dir oder deinem Baby in der Stillzeit schadet, systematisch untersucht wurde seine Sicherheit allerdings auch nicht.

Wie immer in solchen Fällen raten wir: Probier es ruhig mal aus, starte mit einer geringen Menge (also ein paar Schlucke) und wenn du Probleme oder Auffälligkeiten bemerkst, hör erstmal einmal wieder auf. Ganz generell solltest du Heilkräuter und -pflanzen eher wie Medizin betrachten und auch den Brennnesseltee nur in geringen Mengen trinken.

Wahrscheinlich ist das Trinken des ein oder anderen Brennnesseltees völlig harmlos, im Einzelfall sind negative Symptome jedoch nicht ausgeschlossen.

Rezept zum Selbermachen

Vielleicht hast du Lust darauf bekommen, einmal selber Brennnesseltee zuzubereiten.

Das ist nicht schwierig und macht Spaß! Das folgende „Rezept“ ist von hier inspiriert.

  1. Sammel die Brennnesselblätter schon im Frühjahr, wenn sie noch ganz jung und frisch sind. Du kannst sie mit einem Handschuh pflücken. Damit sie nicht stechen, kannst du sie vom Stielende her nach oben ziehen, um die nesselnden Härchen abzubrechen.
  2. Häng die Nessel zuhause kopfüber auf, sodass sie trocknen können. Warte, bis sie komplett ausgedörrt sind und fülle sie dann zerkleinert in eine Teedose oder ähnliches.
  3. Zur Zubereitung: Einen gehäuften Esslöffel mit 250 ml kochendem Wasser übergießen und zehn Minuten lang ziehen lassen.
  4. Guten Appetit! 🙂

Quellen

Marasco, West, Making More Milk – The Breastfeeding Guide to Increasing your Milk Production, McGrawHill, 2. Auflage 2020

Weitere Quellen sind im Text verlinkt

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