Weltstillwoche 2022: Wir fragten 250 junge Menschen, was sie über das Stillen denken

Stillen ist gesund für Mama und Baby. Die meisten werdenden Mütter wollen stillen, leider schafft es nur ein geringer Teil, die von der WHO empfohlenen 6 Monate ausschließlich zu stillen1.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele Mütter geben an, dass sie nicht gut vorbereitet wurden, sich von der Gesellschaft nicht ausreichend unterstützt fühlen und dass das Stillen schwieriger war, als erwartet2.

Wir haben 250 jungen Erwachsene – den Eltern von morgen – insgesamt zehn Fragen zum Stillen gestellt. Die Befragten wiesen folgende Eigenschaften auf:

  • Wohnhaft in Deutschland
  • 18 – 21 Jahre alt
  • kinderlos

Insgesamt nahmen 142 Frauen (56,8%) und 108 Männer (43,2%) an der Befragung teil, die via SurveyMonkey.com ausgerichtet wurde.

Hier findest du ihre Antworten.

„Muttermilch ist die beste Nahrung für ein Baby. Stimmt das?“

Es gibt drei Möglichkeiten, Neugeborene und junge Säuglinge hauptsächlich zu ernähren:

  • Muttermilch
  • gespendete Frauenmilch
  • industriell hergestellte Milchnahrung (meist aus Kuhmilch)

Millionen Jahre Evolution haben dafür gesorgt, dass die menschliche Muttermilch perfekt auf menschliche Babys ausgerichtet ist (und sich sogar an den individuellen Bedarf eines Kindes anpassen kann).

Die Ernährung mit der Milch anderer Säugetiere ist nicht möglich, weshalb künstliche Babynahrungen aus z. B. Kuh- oder Sojamilch modifiziert werden müssen, um sie menschlichen Babys zu verabreichen.

Fett-g/100mlProtein-g/100mlKohlenhydrate-g/100ml
Mensch34,01-1,57,0
Kuh33,5-4,03,54,7
Wal410-508-15%~0,2-1,45
Alles Säugetiere, aber ziemlich unterschiedliche Milch: Mensch, Kuh und Wal.

Und auch wenn mit den modernen Ersatznahrungen ein gesundes Aufwachsen die Regel ist, gehen viele wichtige Eigenschaften der Muttermilch verloren, vor allem bezüglich des Immunsystems (Muttermilch ist eine „lebende“ Flüssigkeit) und der Darmreifung. Nirgends lässt sich das so eindrucksvoll sehen, wie in der Frühgeborenenmedizin, wo die Gabe von Muttermilch statt von Formulanahrung weltweit unzähligen Frühchen das Leben rettet 6, 7.

Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass die Ernährung mit Muttermilch viele gesundheitliche Vorteile für das gestillte Baby hat und aus einer Reihe von Gründen die beste Nahrung darstellt 8.

Aber wie sehen unsere Befragten das?

Frauen / Männer

In einer von Lansinoh 2021 durchgeführten Befragung gaben 95% aller befragten Mütter an, dass Stillen das Beste für ein Baby sei. Man könnte vermuten, dass diese Erkenntnis bei vielen in der Schwangerschaft wächst, während sie sich auch auf die Stillzeit vorbereiten.

Tatsächlich haben wir aber bei unseren jungen, kinderlosen Frauen exakt die gleiche Zahl für eine ganz ähnliche Frage finden können: 95,1% gaben an, dass Muttermilch die beste Nahrung für ein Baby sei, 2,1% glaubten das nicht, 2,8% waren nicht sicher.

Ganz anders hingegen die Männer: Hier gaben „nur“ 82,4% an, dass sie Muttermilch für die beste Nahrung hielten, 8,3% waren nicht dieser Meinung, 9,3% wussten es nicht.

FrauenMänner
ja135 (95,1%)89 (82,4%)
nein3 (2,1%)9 (8,3%)
weiß nicht4 (2,8%)10 (9,3%)

Dieses Ergebnis ist interessant: Unterstützung aus dem familiären Umfeld einer Mutter hat einen großen Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen das Stillen, den Stillverlauf und die Stilldauer – dies betrifft insbesondere auch die Rolle des (werdenden) Vaters9.

Spätere oder werdende Väter stärker über die Vorteile des Stillens für die Gesundheit ihres Babys zu informieren, könnte also zu einer höheren Stillquote in der Gesellschaft führen. Wir kommen an späteren Stellen darauf zurück.

„Stillen hat gesundheitliche Vorteile für die Mama. Stimmt das?“

Tatsächlich hat das Stillen nicht nur für das Baby, sondern auch für die stillende Mutter gesundheitliche Vorteile:

  • Schnellere Rückbildung nach der Geburt
  • Stillen ist ein natürliches Verhütungsmittel
  • geringeres Risiko für Brustkrebs
  • geringeres Risiko für Eierstockkrebs

Darüberhinaus werden auch Risikoreduktionen für Schilddrüsenkrebs, Wochenbettdepression, Osteoporose und Altersdiabetes diskutiert.

Wissen junge Leute um diese Vorteile?

Die Hälfte der Befragten hat sich also für „Ja“ entschieden, wobei wir natürlich nicht wissen, ob sie dabei spezielle Vorteile im Kopf hatten oder eher generell das Gefühl hatten, dass das Stillen auch für die Mutter gesund sein kann.

Signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern konnten wir nicht feststellen:

FrauenMänner
ja75 (52,8%)53 (49,0%)
nein21 (14,8%)22 (20,4%)
weiß nicht46 (32,4%)33 (30,6%)

Dass etwa die Hälfte gesundheitliche Vorteile für möglich hält, heißt im Umkehrschluss natürlich auch, dass die Hälfte es nicht tut oder es eben nicht sicher weiß.

Auch hier könnte eine gute Aufklärung und klare Informationen – warum nicht schon vor, spätestens aber während der Schwangerschaft – beitragen, dass nochmal mehr Frauen sich für das Stillen entscheiden:

  1. Viele Frauen fragen sich, wie sie die Verhütung in der Stillzeit organisieren. Ungewollt schwanger zu werden ist bei ausschließlich stillenden Frauen genauso oder sogar noch unwahrscheinlicher, wie mit dem Kondom.
  2. Eine insuffiziente Rückbildung kann sich das ganze Leben lang bemerkbar machen, zum Beispiel durch eine Harninkontinenz.
  3. Krebs ist für die meisten Menschen eine angstbesetzte Erkrankung und es könnte vielen Frauen eine kleine Beruhigung bedeuten, wenn sie ihr individuelles Risiko durch das Stillen etwas senken könnten.

„Bist du als Baby gestillt worden?“

Das Stillen ist bei vielen Menschen wenig präsent. Doch wissen junge Erwachsene überhaupt, ob sie selber gestillt wurden?

Das Stillen unterlag in Deutschland schon immer einer Mode10: Während in den 50er Jahren, womöglich unter den Auswirkungen der Nazizeit und ihrer Mutterideologie noch viele Frauen initial und auch sechs Monate lang stillten, sanken die Raten in den 60ern und 70ern wohl durch das Aufkommen der Flaschenmilch deutlich, ehe in den 80ern ein erneuter Anstieg festgestellt werden kann.

Noch heute werden viele Mamas, bei denen das Stillen nicht gut klappt, von ihren Eltern mit den schlechteren Stillraten der Vergangenheit konfrontiert: „Wir wurden auch nicht gestillt und sind gesund geworden“, „Als ich dich stillen wollte, hat es auch nicht geklappt!“, und so weiter.

Unsere Befragten allerdings sind alle nach dem Jahr 2000 geboren, als die Vorteile des Stillens längst bekannt waren. Was werden sie in ein paar Jahren sagen, wenn ihre Kinder Stillprobleme haben?

FrauenMänner
Ja, ganz sicher99 (69,7%)66 (61,1%)
Ich glaube ja23 (16,2%)24 (22,2%)
Weiß ich nicht6 (4,2%)11 (10,2%)
Ich glaube nein6 (4,2%)2 (1,9%)
Nein, sicher nicht8 (5,7%)5 (4,6%)

Zwar wissen 65,9% der Befragten, dass sie gestillt wurden, und 5,6% wissen, dass sie nicht gestillt wurden.

Trotzdem wissen 28,5% nicht sicher, ob sie gestillt wurden – fast in einem Drittel der Familien scheint die vergangene Stillzeit also kein Thema zu sein.

„Hast du schon mal zugeschaut, wenn ein Baby gestillt wurde?“

Viele Stillberaterinnen beklagen, dass es den heutigen Müttern (und auch Vätern) an Stillvorbildern mangelt:

Durch die Vereinzelung der Familien ist es einfach nicht mehr natürlich, dass junge Mädchen ihre älteren Schwester, Cousinen und Tanten beim Stillen beobachten. Der Vorbehalt vieler Frauen gegenüber dem Stillen in der Öffentlichkeit trage ebenfalls dazu bei, dass viele Menschen noch nie oder nur sehr selten beim Stillen zugeschaut hätten.

Aber stimmt das überhaupt? Führt der Mangel an Stillvorbildern tatsächlich zu geringeren Stillraten, größeren initialen Problemen und früherem Abstillen?

Diese Frage lässt sich anhand der von uns gestellten Frage zwar nicht beantworten. Jedoch hat ein großer Teil der jungen Erwachsenen noch nicht häufig beim Stillen zugeschaut – vor allem die Männer.

Frauen / Männer

Stillen ist zwar ganz natürlich, aber nicht unbedingt einfach. Viele Frauen bekommen initial Probleme, weil sie nicht auf die Schwierigkeiten, die das Stillen bringen kann, vorbereitet sind: Das richtige Anlegen, den Umgang mit Schmerzen, die Stillfrequenz und -dauer, usw.

Das Stillen anderer Frauen schon früh im Leben häufiger zu beobachten, könnte dabei helfen, dies ist aber schwer umzusetzen. Ein Stillvorbereitungskurs ist eine Möglichkeit, diese Probleme von Anfang an zu vermeiden oder zu lernen, wie mit ihnen umzugehen ist.

FrauenMänner
ja, häufig60 (42,3%)29 (26,9%)
ja, manchmal45 (31,7%)34 (31,5%)
ja, selten32 (22,5%)23 (21,3%)
nein, noch nie5 (3,5%)22 (20,4%)

„Stillen ist Frauensache. Stimmst du zu?“

Stillen ist natürlich in erster Linie Frauensache, zumindest wenn man sich fragt, wer eigentlich stillt oder stillen kann. Dass auch Männer (und andere Geschlechter, die keine cis-Frauen sind) stillen können, trifft zwar zu11, ist aber im Alltag eine Rarität.

Trotzdem: Wir haben bereits gesehen, inwiefern ein unterstützendes Umfeld zum Stillerfolg beitragen kann und welchen Anteil gerade auch die Väter daran haben, dass überhaupt und lange gestillt wird.

Wir würden also argumentieren: Stillen ist nicht ausschließlich Frauensache. Ein unterstützendes Team (woher kommt wohl unser Name?😋) dahinter erhöht die Chance, dass es ein halbes Jahr und darüberhinaus klappt.

Unsere Befragten sehen das ein bisschen anders: Hier herrscht die Meinung vor, Stillen sei Frauensache. Zugegeben, vielleicht hat ein großer Teil der Teilnehmenden tatsächlich im Kopf gehabt, dass eben fast ausschließlich Frauen physiologisch dazu in der Lage sind, zu stillen.

Trotzdem würden wir uns natürlich freuen, wenn das Stillen – ebenso wie die gesamte Kindererziehung und -pflege – nicht ausschließlich als Frauensache betrachtet würde. Ein Viertel der Befragten sieht das immerhin genauso.

FrauenMänner
ja79 (55,6%)64 (59,3%)
nein41 (28,9%)23 (21,3%)
weiß nicht22 (15,5%)21 (19,4%)

„Wenn viele Frauen stillen, kann das auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Stimmt das?“

Hier müssen wir vielleicht etwas ausholen.

Die Frage zum Klimaschutz ist uns wichtig, weil uns das Thema selber sehr am Herzen liegt. Darin spielt einerseits auch das Thema Tierleid eine Rolle (in der Milchproduktion), andererseits aber natürlich auch die Zukunft unserer Kinder:

Werden die sich in zwanzig oder dreißig Jahren überhaupt noch trauen, selber Kinder zu kriegen, oder ist die Klimakrise bis dahin wirklich zur absoluten Klimakatastrophe geworden, die das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen lässt?

Wie schlimm es genau wird, ist bisher unklar. Sicher ist, dass der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten ist und für viele Menschen viel Leid mit sich bringen wird, oder dies bereits tut.

Die große Aufgabe besteht darin, die Auswirkungen des Wandels zu begrenzen. Das geht Stand heute am Besten, in dem CO2 gespart wird. Dabei ist es nicht sinnvoll, auf die eine große Maßnahme zu hoffen. Viel mehr muss sich jede und jeder fragen, welche kleinen oder größeren Beiträge sie oder er leisten kann, die sich dann aber hoffentlich stark genug summieren, um einen Unterschied zu machen.

Vielleicht ist da am ehesten die Politik und die Industrie gefragt. Aber am Ende sind auch wir „normalen“ Leute diejenigen, die die Politik wählen und die Industrie durch unser Konsumverhalten unterstützen: Ein Bauer, der seine Tiere in Massentierhaltung hält, tut dies nicht, weil er Spaß daran hat, Tiere zu quälen – er tut es, weil wir sein Fleisch kaufen.

Ende der moralischen Abschweifung 🙂

Einen kleinen Teil zu weniger CO2 kann eben auch das Stillen leisten: Es fallen keine Treibhausgase bei der Herstellung von Flaschen und anderen Geräten, bei der Produktion der Muttermilchersatznahrung, bei der Erwärmung der Milchnahrung und nebenbei auch kein Abfall an. Karlsson et al haben 2019 berechnet, dass ein Kind ein Jahr lang zu stillen (neben der Beikost ab sechs Monaten versteht sich) etwa 95-153 kg CO2-Äquivalente spart12.

Das ist nur etwa ein hundertstel dessen, was ein Mensch in Deutschland pro Jahr durchschnittlich ausstößt13. Aber auch Kleinvieh macht bekanntlich Mist.

*Herstellung und Nutzung eines Smartphones verbrauchen pro Lebenszyklus etwa 47 kg CO2 (ohne Rohstoffgewinnung und Internetzung) 14

Fast die Hälfte (44,8%) der Teilnehmenden unserer Umfrage konnte sich vorstellen, dass das Stillen einen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, 15,5% verneinten das, mehr als ein Drittel aber (39,7%) wussten es nicht.

Viele junge Leute machen sich große Sorgen um die Auswirkungen des Klimawandels*. Vielleicht liegt auch hier ein Potential, noch mehr Menschen vom Stillen zu überzeugen – von den positiven Auswirkungen für Klima und Tiere ganz abgesehen.

FrauenMänner
ja67 (47,2%)44 (40,7%)
nein18 (12,7%)21 (19,4%)
weiß nicht57 (40,1%)43 (39,8%)

„Stillen in der Öffentlichkeit sollte erlaubt sein. Stimmst du zu?“

Auch im Jahr 2022 ist es eine Schlagzeile wert, wenn ein Spitzenpolitiker sein Kind mit zu einer Sitzung bringt. Wenn eine Politikerin im Parlament öffentlich stillt, gehen die Nachrichten davon um die ganze Welt15, 16, 17.

In der Umfrage von Lansinoh geben 61% an, dass das Stillen in der Öffentlichkeit für sie normal ist, ein Viertel (26%) hat aber noch nie öffentlich gestillt.

Viele Frauen sagen uns, dass sie sich beim Stillen „vor anderen“ beobachtet fühlen – vielleicht durch interessierte männliche Blicke – dass sie aber auch Sorge vor „Verurteilung“ haben, für ein völlig natürliches Verhalten. Wirklich schlechte Erfahrungen – dass zum Beispiel darum gebeten wird, einen anderen Raum aufzusuchen – scheinen aber zum Glück nur wenige zu machen.

Dass sich Mütter unwohl fühlen ist die eine Sache – aber wenn sie stattdessen in der Öffentlichkeit die Flasche wählen, ist das nochmal eine andere.

Wie sehen junge Leute das Stillen in der Öffentlichkeit?

Frauen / Männer

Dieses Ergebnis ist das erste, das uns wirklich ärgert:

Zwar denkt die große Mehrheit aller Befragten, dass das öffentliche Stillen erlaubt sein sollte (77,8%). Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass fast ein Viertel der jungen Leute das öffentliche Stillen nicht sicher erlauben würde. 17,6% der Männer sagen sogar Nein – sie würden es also verbieten wollen.

Leider haben wir in der Umfrage nicht fragen können, warum so viele junge Männer (und immerhin auch 6,3% der Frauen) das öffentliche Stillen verbieten würden. Das ist vielleicht eine Frage für das nächste Mal.

Das Ergebnis hätte uns nicht überraschen sollen: Laut des Papiers zur Nationalen Stillstrategie des BMEL lehnen über 10% der deutschen das öffentliche Stillen ab18.

FrauenMänner
ja123 (86,6%)71 (65,7%)
nein9 (6,3%)19 (17,6%)
weiß nicht7 (10,1%)18 (16,7%)

„Was denkst du: Wird dem Stillen in unserer Gesellschaft genug Aufmerksamkeit beigemessen?“

Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut und viele Dinge verdienen viel Aufmerksamkeit – mehr, als ein normaler Mensch im Alltag (gerade mit Kindern) leisten kann.

Deshalb ist es gut, wenn Lobbygruppen (die es eben nicht nur für Unternehmensinteressen gibt) auf bestimmte Themen aufmerksam machen, immer und immer wieder. Und das eben auch für Themen, die es sonst schwer hätten, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen.

Das Stillen ist ein Nischenthema, denn obwohl es zum Anfang des Lebens jeden Menschen irgendwie betrifft, betrifft es „nur“ etwa 750.000 Frauen (und ihre Babys) jährlich akut. Zum Glück hat das Stillen eine Lobby, durch verschiedene Interessensverbände und Organisationen, denen es immer wieder gelingt, das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Es gibt sogar eine Nationale Stillkommission, die die Bundesregierung berät19.

Aber was denken die jungen Erwachsenen – bräuchte das Thema Stillen in unserer Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit? Oder hat es davon genug (oder gar zu viel)?

Der Großteil der Befragten ist der Meinung, dass das Stillen noch nicht genug Aufmerksamkeit in der deutschen Gesellschaft bekommt. Wenn das so ist – vielleicht ließe sich ja schon in der Schule darüber eingehender informieren?

FrauenMänner
zu wenig Aufmerksamkeit104 (73,2%)57 (52,8%)
genug Aufmerksamkeit24 (16,9%)32 (29,6%)
zu viel Aufmerksamkeit3 (2,1%)4 (3,7%)
weiß nicht11 (7,8%)15 (13,9%)

„Wenn du selber mal ein Kind hast, soll das dann gestillt werden?“

Erinnern wir uns an unsere eigene Zeit zwischen 18 und 21: Da war das Kinderkriegen generell und das Stillen im Speziellen noch ganz weit weg.

Tatsächlich kriegen nur 25.000 Frauen in Deutschland unter 22 ein Kind, das sind nicht mal 5%.

Trotzdem kommt natürlich auch in diesen Altersgruppen die Frage auf, ob man selbst irgendwann einmal Kinder haben möchte. Und auch wenn der Gedanke noch fern ist, wird sich jeder dieser künftigen Elternteile irgendwann fragen müssen, ob sein Kind gestillt werden soll, oder nicht.

Frauen / Männer

Auch hier zeigt sich wieder ein Trend zu den Frauen: 89% wollen ihr potentielles Kind gerne stillen (gegenüber den 95%, die Stillen für die beste Ernährung für ein Baby halten), auch immerhin etwa 3/4 der Männer, wo viele aber auch unentschlossen sind.

FrauenMänner
ja127 (89,4%)82 (75,9%)
nein6 (4,2%)13 (12,0%)
weiß nicht9 (6,3%)13 (12,0%)

Möglicherweise stecken hier aber auch Antworten von Befragten drin, die einfach schon wissen, dass sie gar kein Kind haben wollen und deshalb auch die Frage nach dem Stillen mit „Nein“ beantworteten.

+ „Wenn Frauen ein Baby länger als 2 Jahre lang stillen, dann finde ich das …“

Zum Abschluss haben wir die Teilnehmenden gefragt, was sie vom sogenannten „Langzeitstillen“ halten, wenn also Kinder länger als üblich und bis ins Kleinkindalter hinein gestillt wurden.

Dieses „seltene“ oder „ungewöhnliche“ Verhalten – so wurde es in der Befragung zwei Mal als Antwort genannt – ist das von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) empfohlene Verhalten. Denn die Empfehlungen lauten:

  • Ein Kind soll bis zum abgeschlossenen 6. Lebensmonat ausschließlich gestillt werden
  • Es soll dann die Beikost eingeführt, jedoch nach Bedarf weitergestillt werden
  • Es soll zwei Jahre lang gestillt werden und solange darüber hinaus, wie Kind und Mutter es wünschen

Die WHO sagt sogar, dass weltweit das Leben von 820.000 Kinder jährlich gerettet werden könnte, wenn alle Kinder optimal in den ersten 2 Lebensjahren gestillt würden.

Diese Empfehlungen haben natürlich in anderen Ländern nochmal eine andere Relevanz, gelten aber eben auch für uns.

Das müsste bedeuten, dass die Menschen das längere Stillen als normal ansehen würden, oder?

Tatsächlich haben sich in unserer Freitext-Frage immerhin 46,3% positiv geäußert. Allerdings sieht immerhin ein Viertel der Befragten das Stillen über mehr als zwei Jahre negativ – findet es „nicht gut“, „zu lang“, oder in wenigen Fällen auch „eklig“, „dumm“ oder „pervers.“

positivneutralnegativ
ok / in Ordnung73komisch / merkwürdig / seltsam37nicht gut / nicht so gut23
normal15weiß nicht / keine Ahnung / kenne mich nicht aus9zu viel / zu lang18
gut14unbrauchbare Antworten7schlecht5
sehr gut / toll / mega9jedem selbst überlassen4eklig2
angemessen1naja / geht so3ungesund2
gesund für das Baby1ungewöhnlich / selten3dumm / doof2
egal3übertrieben2
anstrengend2schwierig / kritisch2
grenzwertig1pervers, muss nicht sein, schlimm, sinnlos, nicht ok, disqualifiziertje 1
Gesamt: 113Gesamt: 69Gesamt:62

Wenn mehr als die Hälfte der jungen Leute die von der WHO empfohlene Stilldauer neutral oder negativ empfindet, muss auch dahingehend mehr Aufklärung in Deutschland stattfinden. Dies soll laut der Nationalen Stillstrategie erfreulicherweise auch umgesetzt werden.

Zusammenfassung

Stillen hat eine Reihe gesundheitlicher Vorteile für die Mutter und ihr Kind. Zumindest was das Kind betrifft, wussten in unserer Umfrage viele junge Leute Bescheid: Muttermilch ist die beste Ernährung für ein Baby. Was die gesundheitlichen Vorteile für die Mama anging, sah das aber anders aus.

Ein gewisses Bewusstsein für das Stillen ist durchaus vorhanden, ein Großteil der Befragten wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für das Thema. Immerhin fast ein Drittel der Frauen und Männer geben an, selbst nicht sicher zu sein, ob sie in der Kindheit gestillt wurde.

Gerade viele Männer antworteten, noch nie oder nur selten einer Frau beim Stillen zugeschaut zu haben, gleichzeitig fordert fast ein Fünftel der befragten Männer, dass das öffentliche Stillen nicht erlaubt sein sollte.

Stillen ist für den größten Teil der Befragten „Frauensache“, obwohl man heute darum weiß, dass ein unterstützendes Umfeld dabei hilft, das Stillen zu initiieren und – auch bei Hindernissen – aufrecht zu erhalten.

Gedanken

Nicht jede Frau muss stillen, aber jede werdende Mutter sollte ohne Druck über die gesundheitlichen Vorteile für sich und das Baby Bescheid erfahren, um eine informierte Entscheidung treffen zu können. Frauen die stillen wollen, müssen evidenzbasiert und empathisch beraten werden, was durch eine zunehmende Professionalisierung der beteiligten Fachbereiche auch passiert.

Wir haben es mal umständlich formuliert:

„Nicht jede Mama muss stillen wollen müssen, aber jede Mama sollte stillen dürfen können.“

Dazu gehört die Information über die Vorteile des Stillens, ebenso wie über mögliche Probleme, da diese früh den Stillerfolg gefährden können. Diese Information kann in der Schwangerschaft erfolgen, wo sie allerdings häufig nur die Mütter erreicht. Möglicherweise wäre es sinnvoll, schon in der Schule über das Stillen eingehender zu sprechen.

Unsere Umfrage genügt nicht den Ansprüchen an eine wissenschaftliche Studie, bietet jedoch vielleicht Anregung für edukative Ansätze die das Potential haben, die Stillquote und die Stilldauer zu erhöhen. In der Nationalen Stillstrategie der Bundesregierung heißt es:

„Stillfördernde Maßnahmen sind vor allem dann besonders erfolgsversprechend, wenn sie die gesamte soziale Ebene berücksichtigen“

https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/nationale-stillstrategie.pdf?__blob=publicationFile&v=10

In dem Papier heißt es weiter, dass zu prüfen sei, „wie das Thema in den (früh)kindlichen Bildungsprozess integriert werden kann“, was hinsichtlich des in unserer Umfrage eingeschränkt zu bestehen scheinenden Stillwissens bei den jungen Erwachsenen begrüßenswert ist.

Das Wort „Väter“ findet sich in dem Papier jedoch nicht explizit. Die in unserer Umfrage befragten jungen Männer zeigten sich dem Stillen gegenüber jedoch eher negativer eingestellt:

  • Sie waren seltener der Meinung, dass das Stillen die beste Form der Ernährung für ein Baby ist
  • Sie haben seltener beim Stillen zugeschaut
  • sprachen sich häufiger gegen das öffentliche Stillen aus
  • Stellten sich seltener vor, dass ein zukünftiges eigenes Baby gestillt werden solle

Möglicherweise liegt in der stärkeren Einbeziehung der Männer und zukünftigen Väter ein zusätzliches Potential, für eine größere Akzeptanz des Stillens zu sorgen.

Übrigens: Die internationale Weltstillwoche findet vom 1. bis zum 7. August statt. In Deutschland wird sie traditionell in der 40. Kalenderwoche vom 03.-09. Oktober begangen. Wir veröffentlichen die Umfrageergebnisse aber einfach jetzt schon 🙂

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